Trägerverein Biosphärenregion: Trägerverein startet wieder Biosphären-Obstbaum-Aktion

Umwelt & Natur
29. September 2020

Teilnahmeaufruf zur sechsten Pflanzaktion im Frühjahr 2021

Der Trägerverein Biosphärenregion Berchtesgadener Land e.V. plant im Frühjahr 2021 wieder das Projekt „Biosphären-Obstbäume“ durchzuführen und ruft daher alle Interessierten zur Teilnahme auf. An der Aktion, die der Freistaat Bayern aus Finanzmitteln der Landschaftspflege- und Naturpark-Richtlinie (LNPR) mitfördert, können Eigentümer von geeigneten Flächen zur Ergänzung, Reaktivierung und Neuanlage von Streuobstwiesen teilnehmen. Die Anmeldefrist endet am 30. Oktober 2020.


Der neue Vorsitzende des Trägervereins Landrat Bernhard Kern: „Seit der ersten Aktion im Jahr 2015 wurden insgesamt schon ca. 2.500 Obstbäume im Berchtesgadener Land gepflanzt. Mit dieser weit über die Landkreisgrenzen hinaus einmaligen Maßnahme trägt der Trägerverein zusammen mit seinen Projektpartnern Verwaltungsstelle der Biosphärenregion, Landschaftspflegeverband Biosphärenregion Berchtesgadener Land e.V. und der unteren Naturschutzbehörde nicht nur zum Erhalt unserer unvergleichlichen Kulturlandschaft bei, sondern fördert obendrein die Biodiversität in unserem Landkreis.“


Verwaltungsstellenleiter der Biosphärenregion Dr. Peter Loreth erläutert: „Der UNESCO-Auftrag ist, das Berchtesgadener Land als Lebens- Wirtschaft- und Erholungsraum zukunftsfähig zu erhalten. Die Anlage von ökologisch und landschaftsästhetisch wertvollen Kulturbiotopen, die später durch das Obst eine Grundlage für Regionalprodukte darstellen können, ist ein wichtiger Beitrag dazu.“


„Die Biosphären-Obstbaum-Aktion leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der vielfältigen und wunderschönen Landschaft unseres Landkreises, an der wir uns auch wieder mit großer Begeisterung beteiligen werden“, freut sich auch Susanne Thomas vom Landschaftspflegever-band Biosphärenregion Berchtesgadener Land.


Der Kreisfachberater für Gartenbau und Landschaftspflege Josef Stein ergänzt: „Für mich ist es jedes Jahr eine Riesenfreude, das Projekt fachlich zu betreuen. Nicht nur die Tatsache, dass dadurch jährlich ca. 500 weitere Obstbäume im Landkreis gepflanzt werden, auch die Beratung mit den engagierten und obstbaulich interessierten Bewerbern vor Ort trägt zu einer artenreicheren und schöneren Kulturlandschaft bei.“


Voraussetzung für eine Förderung ist eine geeignete Wiese im Außenbereich, für die das Einverständnis des Eigentümers vorliegt. Einzelbäume werden nicht gefördert, es müssen mindestens fünf Bäume in einer Gruppe gepflanzt werden. Die Maßnahme muss freiwillig sein, Ausgleichflächen o. ä. können nicht gefördert werden. Es besteht außerdem eine Zweckbindungsfrist von 5 Jahren, in denen für eine dauerhafte Erhaltung der Obstbäume zu sorgen und während der eine anderweitige Förderung (z. B. durch Agrarumweltprogramme) nicht möglich ist.


Neben den Obstbäumen werden auch Holzstützpfähle, Verbissschutzmanschetten und Wühlmauskörbe unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Materialausgabe findet voraussichtlich im April 2021 statt.


Eine Anmeldung zur Teilnahme an der Pflanzaktion ist zwingend notwendig und bis spätestens 30. Oktober 2020 bei der Verwaltungsstelle der Biosphärenregion (0049 8654 30946-15 oder sabine.pinterits@reg-ob.bayern.de) oder beim Kreisfachberater für Gartenbau und Landschaftspflege Josef Stein (0049 8651 773-853 oder josef.stein@lra-bgl.de) möglich. Hier können auch nähere Informationen eingeholt werden.


Weitere Informationen können auch auf www.biosphaerenregion-bgl.de abgerufen werden.

 


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Hintergrundinformation zu Streuobstwiesen (von Kreisfachberater Josef Stein):

Landschaftsprägend traten Streuobstwiesen erst in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf. Zu dieser Zeit stand die Streuobstwiese für die intensive Landwirtschaft, da durch die Doppelnutzung von Obst und Beweidung/Ackerbau höhere Erträge als mit nur einer Kultur erzielt werden konnten. In dieser Zeit waren bis zu 2.000 verschieden Apfelsorten in Kultur.


Ab den 50er Jahren wurden die Streuobstwiesen mit ihren großgewachsenen Bäumen (Hochstämme) durch ca. 3 Meter hohe Bäumchen (Spindelbusch) in Obstplantagen ersetzt. Durch die geringe Höhe muss zum Ernten und Schneiden Niemand mehr auf eine Leiter steigen, was die Produktionskosten enorm senkt. Zum anderen ist in Reihen gepflanzten Plantagen die Behandlung mit Pestiziden leichter anwendbar. Nur durch den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel ist es möglich, die bekannten perfekt gewachsenen Tafeläpfel in den Supermarktregalen zu produzieren. Bei Neuzüchtungen wird vorwiegend auf Optik und einheitlichen Geschmack gesetzt. Die Robustheit der Bäume wird jedoch vernachlässigt, da dieses Problem vom Pestizideinsatz gelöst wird. Ebenso wurden unbewusst gesunde und damals unbekannte Inhaltsstoffe wie Polyphenole „herausgezüchtet“. Der hohe Polyphenolgehalt einiger alter Apfelsorten sorgt sogar dafür, dass jene Sorten von Personen mit einer Apfelallergie ohne Beschwerden verzehrt werden können. So verdrängte in 60er und 70er Jahren das günstigere und optisch makellose Obst der Spindelbuschplantagen schnell den Streuobstbau. Resultierend daraus werden von den damals 2.000 Sorten nur noch die wenigen bekannten aus den Supermarktregalen intensiv angebaut und Erwerbsobstbau findet nur noch in einzelnen günstigen Regionen statt. In dieser Zeit setzte sich auch das Wort „Streuobstbau“ durch. Es wurde abwertend für den Hochstammanbau als „ein paar Bäume auf der Wiese verstreut“ verwendet– im Gegensatz zu den professionell in Reih und Glied stehenden Spindelbüschen der Plantagen.


Ab den 80ern wurde dann der enorme ökologische Wert der immer weiter schwindenden Streuobstwiesen erkannt. Sie sind mit über 5.000 in ihr lebenden Tier- und Pflanzenarten eine der artenvielfältigsten Lebensräume Europas.


Neben einer hohen Artenvielfalt tragen die Streuobstwiesen auch zum Erhalt der einst so zahlreichen Obstsorten bei. Wer schon einmal in einen „Jakob Lebel“ oder einen „Schöner von Bath“ gebissen, an einem „Gravensteiner“ gerochen, sich über die spezielle Form eines „Danziger Kants“, über das rote Fruchtfleisch eines „roten Herbstkalvil“ oder die bunten Streifen der „Schweizer Hose“ gewundert hat, weiß um die riesige Bandbreite in Geschmack, Form, Geruch und Farbe von Äpfeln und Birnen. Doch der Erhalt dieser „Agrobiodiversität“ ist kein Selbstzweck. Der Genpool der vielen Obstsorten ist für die Züchtung im Hinblick auf Baumresistenzen, Anpassung an den Klimawandel, Obst für Allergiker oder Modeeigenschaften - wie derzeit rotfleischige Äpfel oder Birnen - essentiell.


Oft sind die auf Streuobstwiesen angebauten alten Sorten Wirtschaftssorten. Das heißt, sie sind weniger als Tafelobst, sondern mehr zur Weiterverarbeitung zu Saft, Dörrobst oder Edelbrand geeignet. 2013 wurden durchschnittlich 50% des in Deutschland konsumierten Apfelsaftes importiert, größtenteils aus chinesischem Apfelsaftkonzentrat. Das bedeutet, es ist billiger Äpfel einzukochen, einmal um die halbe Welt zu transportieren und wieder mit Wasser aufzuspritzen, als vor Ort einen Apfelbaum zu pflanzen und die Ernte in einer nahegelegenen Kelterei pressen zu lassen. Durch die Förderung von Streuobstwiesen und lokaler Verarbeitung kann diesem Irrsinn entgegengewirkt werden.


Zudem ist der ästhetische Wert der Kulturlandschaft Streuobstwiese von großer Bedeutung. Viele Obstwiesen, die in Vorkriegszeiten an den Dorfrändern gepflanzt wurden, mussten in den letzten 70 Jahren Neubaugebieten weichen, sodass nun oftmals die Einbindung der Dörfer in die Landschaft durch einen Obstgürtel fehlt.


Somit ist die Biosphären-Obstbaumaktion weniger ein Geschenk an die Grundstücksbesitzer, denn eine Aktion die (Agro-)Biodiversität, Landschaftsästhetik und die Ernährungssouveränität fördert. Das kommt allen Bewohnern des Landkreises zugute - eine nachhaltige Investition in die Zukunft, die hoffentlich noch viele Jahre von den Bewohnern des Berchtesgadener Landes so freudig angenommen werden wie bisher.

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Herr Richter

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